Wenn wir seit 1995 eines gelernt haben, dann das: Im Web gibt es keine ewigen Wahrheiten, nur Werkzeuge für ihre Zeit. WordPress war fast zwei Jahrzehnte die selbstverständliche Antwort auf die Frage, womit man eine Unternehmenswebsite baut. Ein riesiger Teil des Webs läuft darauf, und das aus guten Gründen.
Trotzdem beobachten wir seit einiger Zeit eine Verschiebung: Immer mehr unserer Projekte entstehen nicht mehr mit WordPress, sondern mit einem modernen Stack aus Next.js, Vercel, einem Headless CMS wie Sanity und serverlosen Datenbanken wie Neon. Der Auslöser ist nicht Technikverliebtheit, sondern eine nüchterne Rechnung, die sich durch KI-gestützte Entwicklung fundamental verändert hat. Zeit für eine ehrliche Einordnung beider Welten.
Was WordPress stark gemacht hat und stark macht
Fairness zuerst: WordPress hat seine Verbreitung verdient. Das Ökosystem ist konkurrenzlos, für nahezu jede Anforderung existiert ein Plugin oder Theme. Redakteure finden sich schnell zurecht, Inhalte pflegen kann nach kurzer Einweisung jedes Team selbst. Gehostet wird es überall, vom Zehn-Euro-Paket bis zum Enterprise-Setup, und Dienstleister, die WordPress beherrschen, gibt es an jeder Ecke. Wer eine Website betreibt, ist damit an keine Agentur gekettet.
Für inhaltsgetriebene Projekte mit großen Redaktionsteams, komplexen Freigabeprozessen oder etablierten Plugin-Abhängigkeiten ist das ein echter Wert. Deshalb betreuen wir weiterhin viele WordPress-Installationen und werden das auch noch lange tun. Wer über Ablösung nachdenkt, sollte diesen Bestand nüchtern würdigen, statt ihn schlechtzureden.
Wo WordPress im Alltag schmerzt
Die Schattenseite kennt jeder, der WordPress professionell betreibt. Das Plugin-Modell ist Segen und Fluch: Jede Erweiterung bringt eigenen Code, eigene Sicherheitslücken und eigene Update-Zyklen mit. Aus zwanzig Plugins wird ein Wartungsvertrag, denn ungepflegte Installationen sind das beliebteste Einfallstor für Angriffe im ganzen Web. Wer schon einmal eine gehackte WordPress-Site bereinigt hat, vergisst das nicht.
Dazu kommt die Performance. WordPress rendert Seiten klassisch auf dem Server bei jedem Aufruf, mit Datenbank, PHP und oft einem Dutzend Plugin-Skripten im Gepäck. Mit Caching-Plugins und Optimierungsaufwand bekommt man das in den Griff, aber man kämpft gegen die Architektur, nicht mit ihr. Gute Werte bei den Core Web Vitals sind erreichbar, sie sind nur Arbeit, die bei moderneren Ansätzen schlicht entfällt.
Der moderne Stack: Next.js, Vercel, Headless CMS, Neon
Die Alternative sieht so aus: Next.js als Framework, Vercel als Plattform, ein Headless CMS wie Sanity für die Inhalte, eine serverlose Postgres-Datenbank wie Neon, wo dynamische Daten gebraucht werden. Die Seiten werden weitgehend vorgerendert und weltweit über ein Netzwerk ausgeliefert. Das Ergebnis sind Ladezeiten, für die man bei WordPress hart optimieren muss, hier sind sie der Normalzustand.
Auch beim Betrieb dreht sich das Bild. Es gibt keinen Server, den man patchen muss, keine Plugin-Updates am Montagmorgen, keine Admin-Oberfläche, die im Netz angreifbar ist. Die Angriffsfläche schrumpft dramatisch, die Skalierung übernimmt die Plattform. Inhalte pflegen Redakteure im Headless CMS in einer aufgeräumten Oberfläche, ohne dabei versehentlich das Layout zerlegen zu können. Für uns als Betreuer heißt das: weniger Feuerwehr, mehr Weiterentwicklung.
KI-gestützte Entwicklung verändert die Rechnung
Der häufigste Einwand gegen den modernen Stack lautete jahrelang: zu teuer, zu viel Entwicklungsaufwand, WordPress-Themes gibt es fertig. Genau dieses Argument trägt nicht mehr. Mit KI-gestützter Entwicklung entstehen individuelle Komponenten, Layouts und Funktionen in einem Tempo, das früher undenkbar war. Was einst Wochen an Handarbeit bedeutete, ist heute oft eine Sache von Tagen, und zwar maßgeschneidert statt aus dem Baukasten.
Interessant dabei: KI-Werkzeuge spielen ihre Stärke gerade in modernen, komponentenbasierten Codebasen aus. Sauber strukturierter TypeScript-Code lässt sich von KI-Assistenten deutlich verlässlicher erweitern als ein historisch gewachsenes Theme mit verschachtelten PHP-Templates und Plugin-Wechselwirkungen. Der moderne Stack ist damit nicht nur schneller im Browser, sondern auch schneller in der Weiterentwicklung.
Wann was sinnvoll ist: unser Fazit
WordPress bleibt eine gute Wahl, wenn ein großes Redaktionsteam mit etablierten Prozessen arbeitet, wenn spezifische Plugins den Kern des Projekts bilden oder wenn ein bestehendes System solide läuft und nur gepflegt werden muss. Einen funktionierenden Auftritt ohne Not zu migrieren, ist selten kluges Geld. Auch bei sehr kleinen Budgets ohne jeden Anspruch an Individualität kann ein fertiges Theme weiterhin der pragmatische Weg sein.
Für neue Projekte, bei denen Performance, Sicherheit, Wartungsarmut und individuelle Gestaltung zählen, ist der moderne Stack für uns inzwischen die erste Wahl: Firmenwebsites, Landingpages, Kampagnenseiten, Portale mit überschaubarer Redaktion. WordPress ist nicht tot, davon sind wir weit entfernt. Aber die Zeit, in der es die automatische Antwort auf jede Webfrage war, ist vorbei. Wer heute neu baut, sollte beide Wege ehrlich vergleichen, und zwar anhand der nächsten fünf Betriebsjahre, nicht nur des Angebotspreises.



